Die Zukunft von Digitalien, das Internet war gestern

Wer kann sich noch an den Hype um Second Life erinnern? Second Life, das war der Versuch, eine 2. Welt neben unseren Welt in Digitalien auferstehen zu lassen. Der Hype damals war so groß, dass z.B. die Bildzeitung eine eigene Zeitung “The AvaStar” mit Nachrichten aus und über Second Life herausbrachte.

Der Versuch von Linden Lab war genial, aber zu früh. Wir werden in ein paar Jahren 2 Filme als besonders herausragend begreifen, wenn wir uns mit der Geschichte der virtuellen Welt beschäftigen. Es ist einmal der Film Avatar aus dem Jahr 2009, der den Konflikt zwischen einer hochtechnisierten Welt und einer archaischen Gesellschaft zeigt. Das besondere dabei ist jedoch, dass die hochtechnisierte Welt Zugang zu der archaischen über die Avatartechnologie findet und damit am Ende wieder sich selbst:

Und zum anderen ist es der Film Surrogates, der zwar technisch brillant umgesetzt wurde, dessen Story aber vielleicht etwas zu flach war, um wirklich erfolgreich zu sein. Dennoch beschreibt er eine Zukunft, die sehr realistisch eine durch Avatare vermittelte Realität zeigt:

Wer glaubt, dass wir von einer solchen Welt noch sehr weit entfernt sind, unterschätzt die Geschwindigkeit der technischen Entwicklung. In Japan gibt es bereits heute z.B. Konzerte, die von Avataren aus Lasertechnik aufgeführt werden:

Ein weiterer Strang, der unser Verständnis und Verhältnis zur Zukunft von Digitalien schon bald noch viel radikaler umgestalten wird, als wir denken, ist die “Wischtechnologie”, die durch das iPhone und das iPad in unser Leben kam. Es hat alte, nicht mehr zeitgemäße Technologien zur Mensch-Computer-Interaktion revolutioniert. Wie eine solche Zukunft schon bald aussehen könnte, zeigt ein interessantes Video der Firma Corning:

Einen noch spektakuläreren Ausblick auf die Zukunft der digitalen Welt mit einer völlig neuen Mensch-Computerineraktivität zeigt uns das Video “Domestic Robocop” von von Keiichi Matsuda:

Ich denke, dass uns das letzte Video eine sehr nahe Zukunftsvision des Internets als völlig neue Mensch-Maschine-Schnittstelle zeigt. Nennen wir es zukünftig nur noch Digitalien als einen Ort, der sich mit unseren realen Orten immer mehr mischen wird. Wir werden genauso in virtuelle Welten eintauchen wie auch immer mehr virtuelle Welten in unsere reale Welt eindringen werden. Gerade dieses letzte Element ist aus meiner Sicht bisher viel zu wenig beachtwt worden, da wir uns die virtuellen Welten immer nur als zu erobernde Welten vorgestellt haben aber nicht als eine Welt, die auch zu uns kommen wird, die auch uns erobern wird. Seien wir darauf vorbereitet.

Update vom 28.10.2011:

Derweil hat Microsoft noch eine weitere, sehr interessante Variante einer augmented reality mit Hilfe der Kinect-Technologie vorgestellt, die Ich Euch hier nicht vorenthalten möchte:

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Was bedeutet Hacking?

Der Wikipedia-Artikel zu Hacking bringt es zwar etwas schwerfällig, aber immerhin treffend auf den Punkt. Unter einem Hacker wird oft eine Person verstanden, die in Computernetzwerke eindringt. Dabei ist das Wort “Hacking” sehr viel umfassender zu verstehen.

Ein Hacker ist meinem Sprachverständnis nach eine Person, die die Grenzen einer vorgefundenen Technologie praktisch in einen anderen Zusammenhang bringen kann und damit einen anderen kulturellen Gebrauchszusammenhang herstellen kann. Dieser Akt der handwerklichen Grenzüberschreitung ist seinem Wesen nach ursprünglich kreativ. Der Hacker ist somit aus meiner Sicht so etwas wie ein praktisch veranlagter Philosoph, der ebenfalls versucht, gedanklich die Zusammenhänge in einen anderen Kontext zu transferieren, um sie zu verstehen und damit metaphysisch weiterzuentwickeln.

Am deutlichsten und am besten fassbar wird diese praktische Philosophie des Hackings in konkreten Anwendungsbeispielen. In Youtube, das mittlerweile zu einer Art visuellen kulturellen Gedächtnis des Internetzeitalters geworden ist, gibt es dafür unzählige Beispiele. Z.B. bedeutet es eine große kulturelle Übertragsungsleistung, den Sound der Diskettenlaufwerke seines PCs so zu programmieren, um damit ein klassisches Stück aufzuführen:

Oder auch ein sehr schönes Beispiel, Darth Vader mit dem Kopf eines CD-Laufwerkes zu spielen:

Eine richtig nette Variante davon ist es auch, einen Traktor, der wie kein 2. Gerät für die Landwirtschaft steht, als Hintergrundsoundmaschine zur Country-Musik einzusetzen:

Man merkt allen Videos auch einen weiteren Faktor des Hackings an, der eine große Motivation für alle Hacker darstellt und der damit auch ein zentrales Moment der Kreativität selbst zu sein scheint: Der Spaß. Es macht allen Beteiligten einfach viel Spaß, Dinge aus ihrem normalen Gebrauchszusammenhang zu entführen und sie in neuem Zusammenhang zu neuem Glanz zu führen. Der Techno-Jeep, der zudem in einer Professionalität umgesetzt wurde, für den alle Beteiligten viel Einsatz und Engagement bringen mussten, mag auch dafür ein sehr schönes Beispiel sein:

Für weitere Beispiele zu diesem Thema bin ich sehr dankbar.

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Seelisch grausame Eltern

Seine Kinder darf man nicht schlagen, ihnen keine körperliche Gewalt antun. Aber wer schützt unsere Kinder vor seelische Gewalt? Ich wurde heute auf einer Zugfahrt von Köln nach Berlin Zeuge seelischer Gewalt gegen ein Kind, die mich bis jetzt so sehr bedrückt, dass ich darüber schreiben muss. Und ich ärgere mich sehr, nicht eingegriffen zu haben! Was war passiert?

Eine Mutter bemerkte auf der Zugfahrt von Köln nach Berlin, dass das Kind noch keine Wochenhausaufgaben gemacht hatte. Die Tochter musste sich sofort an die Aufgaben machen. Nur leider verstand sie die Matheaufgaben nicht und fing darüber an zu weinen und zu blockieren. Die Mutter reagierte immer ungehaltener und mit den ersten Sanktionen. Keine Filme bis zum Wochenende und was es sonst noch an elterlicher Hilfslosigkeit in solchen Fällen zu verteilen gibt. Dem Kind wurde dabei immer wieder gesagt, dass es schließlich selbst Schuld sei, weil es die Hausaufgaben schließlich hätte rechtzeitig machen können.

Der Druck auf das Kind war schließlich so groß, dass eine Frau kam und meinte, was das denn solle und ob es nicht reiche, schließlich weinte das Kind fast ununterbrochen und betonte immer wieder, dass es die Aufgaben nicht könne und nicht verstehe. Die Mutter entgegnete der Frau jedoch energisch, dass sie sich nicht einzumischen habe, dass sie es nichts angehen würde, wie sie ihre Tochter erziehe. Also wurde die Hausaufgaben-Tortour fortgesetzt.

Nach 2 Stunden Kampf um die Hausaufgaben übergab sich das Kind zum ersten Mal in eine Tüte am Tisch. Unglaublich, aber wahr, auch danach musste sie ihre Hausaufgaben fortsetzen und wurde von ihrer Mutter nicht einmal in den Arm genommen oder getröstet. Schließlich übergab sich die Tochter ein weiteres Mal, bis sie ihre Aufgaben schließlich abgeschlossen hatte.

Wie gesagt, ich ärger mich sehr, nicht aufgestanden zu sein und zu sagen: Sie sind ein Tier, eine Bestie, wie sie mit ihrem Kind umgehen, das ist seelisch grausam bis zum Anschlag! Im nachhinein denke ich sogar, dass es fast unterlassene Hilfeleistung war, dem Kind nicht beigestanden zu haben? Aber was hätte das genützt? Die Mutter hatte schließlich schon mehr als deutlich gemacht, dass sie sich von anderen nicht reinreden lassen würde. Außerdem hätte das vermutlich den Druck auf das Kind nur noch weiter erhöht! Mit der Polizei und mit dem Jugendamt drohen? Hilft das wirklich?. Seelische Gewalt ist still, es entstehen keine Brandwunden und keine Narben. Sie wird auch gerade von Eltern aus sogenannten “besseren Kreisen” sehr perfide ausgeübt. Die Polizei und das Jugendamt hätte da sicher nicht geholfen, schließlich kümmert sich die Frau doch darum, dass das Kind seine Hausaufgaben macht! Ein Riesenaufstand hätte am Ende nicht geholfen, vielleicht das Unheil nur verzögert, auf nach die Zugfahrt verschoben. Das Kind hätte vermutlich zu hören bekommen: Wie benimmst Du Dich, mich so unmöglich inder Öffentlichkeit zu machen!

Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Körperliche Wunden heilen, seelische jedoch nie. Ich weiß nicht, warum diese Mutter so scheiße ist und mit Verlaub, das war sie. Ich benutze diesen Begriff nicht leichtfertig. Aber ich weiß, dass ich heute Zeuge eines der schlimmsten Verbrechen an Kindern geworden bin, der seelischen Gewalt.

Mich würde wirklich sehr interessieren, wie Sie sich verhalten hätten? Was kann man sinnvolles in so einem Fall tun? Wie reagieren? Ich bin immer noch sehr verstört und bin mir nicht einmal mehr sicher, ob diese Form von Zwangserziehung nicht doch eine der Hauptprobleme unserer modernen Gesellschaft ist. Denn solche seelische Gewalt beschädigt Menschen, vor allem Kinder nachhaltig.

Eine gute Hilfe im Internet findet sich hier: http://www.kinderschutz.ch/cms/de/node/17

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Guttbye: Eine kleine Plagiatsgeschichte in Videos

Das waren noch Zeiten als im Weltbild von Frau Merkel alles wohlsortiert war:

Karl Lauterbach hatte Herrn von und zu Guttenberg schon im Parlament die Leviten gelesen:

Jürgen Trittin hatte auch noch einmal klar gemacht, dass Guttenbergs Argumentation, er habe in mehr als 200 Stellen unbewusst plagiiert, eine Schutzbehauptung ist:

Und nun hat sich auch noch Professor Oliver Lepsius, der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater, zu Wort gemeldet:

Man kann wirklich nur fragen, warum dieser Minister damit durchkommen soll? Es ist in der Tat eine Gefährdung für jede Demokratie, wenn Regeln abhängig vom sozialen Stand getroffen werden. Und nichts anderes ist es, wenn ein Minister nach einem solch gravierenden Plagiat im Amt bleiben darf, aber Offiziere der Bundeswehr und niederrangige CDU-Politiker nach ganz ähnlichen Vorfällen abgesägt werden. Da helfen die Schutzbehaupten des Noch-Ministers in der Tat nur sehr wenig, im Gegenteil, sie sind das Problem:

Zum Abschluss kommt noch ein Ausschnitt aus dem Imagefilm der Uni Bayreuth, an der der Minister seine Promotion gemacht hatte. Das Stück mit ihm ist mittlerweile aus dem Film gestrichen worden, aber Youtube vergisst nie:

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Das Ende ist (noch) nicht nah!

14 Jahre nachdem der Supercomputer Deep-Blue den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow im Schach schlug, hat nun wieder ein Supercomputer zugeschlagen und in Jeopardy die amtierenden amerikanischen “Jeopardy-Champions” recht deutlich geschlagen. Dieser letzte Sieg der Maschinen wird umso höher bewertet, als dass Schach ein Spiel mit festen Regeln ist, aber zum Verständnis der Fragen von Jeopardy “Intelligenz” notwendig sei.

Die Entwicklung von “Watson”, so der Name der neuen Supermaschine, ist sicherlich großartig und die Programmierung eines maschinellen Textverständnisses ist eine beeindruckende sprachtechnologische Leistung. Dennoch kann ich Entwarnung geben, die Herrschaft der Computer wird nicht in der Art und Weise eintreten, dass Computer klüger als der Mensch werden und sich gegen die Menschheit erheben werden, wie es schon oft in diversen Filmen wie etwa in Matrix oder in I, Robot beschrieben wurde. Denn für die Entstehung von Bewusstsein bedarf es eines inneren Antriebes, eines Lebenswillens, eines Sich-selbst-bewegen-Wollens, das man in Maschinen auch nicht hineinprogrammieren kann.

Überhaupt war der Wettbewerb auch hochgradig ungerecht. Während Watson mal eben schnell in die Wikipedia luken durfte, mussten die Jeopardy-Champions ohne Hilfsmittel arbeiten. Ich trete gegen jeden Supercomputer der Welt an, wenn ich auch das Internet nutzen darf, um meine Jeopardy-Fragen beantworten zu dürfen. Häufig, und das schmälert durchaus nicht die sprachtechnologischen Komponenten, ist es sogar so, dass man die Jeopardy-Fragen nur in Google einzugeben braucht und recht schnell eine passende Antwort auf diese Weise zusammensuchen kann. Es mag sein, dass Watson mit seinem maschinellen Textverständnis auf Dauer auch schneller als ein Mensch sein wird, aber ihn schlagen, wird er ihn so schnell nicht und vor allem nie den eigenen Antrieb entwickeln, selbst Prgramme zu schreiben.

Die Herrschaft des Computers ist auch nicht etwas, was in ferner Zukunft vielleicht einmal eintreten wird, sondern die Herrschaft des Computers hat bereits begonnen. Schauen Sie sich doch einmal um, wieviele Menschen ihre tägliche Arbeit heutzutage mit dem Computer erledigen. Können Sie sich noch einen Schreibtisch in einem Büro vorstellen, auf dem kein Computer steht? Können Sie sich noch ein Leben ohne Mobiltelefon vorstellen, das ihnen Kommunikation ermöglicht und immer mehr auch den Weg weist? Wie haben sie nur vor der Ära des vernetzten Computers ihre Bahnfahrten organisiert? Erinnern Sie sich noch daran, wie sie die Farhplanauskunft der Deutschen Bahn per Telefon angerufen haben, um zu erfahren, wann der nächste Zug fährt?

Diese Art von Computerbenutzung, die uns das tägliche Arbeiten erleichtert, ist es, die unser Leben viel nachhaltiger beeinflusst hat, als wir denken. Der Computer und das Internet haben eine irreale Second-World geschaffen, die unsere Kategorien und unser Denken ändert. Das muss nicht schlecht sein, aber diesen Wandel zu verstehen, ist wichtig, wenn wir unsere kognitive Freiheit behalten wollen, uns dafür oder dagegen zu entscheiden. Dasher ist es eine vorrangige kulturwissenschaftliche Aufgabe, ein Desiderat, wie der Wissenschaftler sagen würde, diesen kulturellen Wandel zu beschreiben. Ansätze zu einer solchen Analyse, wie wir sie z.B in den Büchern Frank Schirrmachers oder Jaron Laniers finden, sind vorhanden, aber leider in einem aufgeregten, alarmistischen Ton verfasst, der dem Thema schadet.

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Berlin ist, wenn …

ist eine Werbekampagne der Berliner Morgenpost, die seit 2010 Berliner zu Wort kommen lässt, um das Lebensgefühl in Berlin zu schildern. Der Grundtenor soll trotz aller großstädtischen Hektik und Kuriosität vor allem das Liebenswerte und Einzigartige der Stadt hervorheben. Da will ich nicht zurückstehen:

Berlin ist, wenn man sein Kind nur noch für vier Monate in die Kita schicken will und das Amt den Lohnsteuerbescheid, den Arbeitsvertrag, eine Bescheinigung des Arbeitgebers über die Beschäftigungszeiten und eine Kopie des Kontoauszugs zum Beleg der Kindergeldhöhe in Kopie erhalten will und dann auch noch 6 Wochen Bearbeitungszeit in Aussicht gestellt bekommt und das alles nur mit einem Lächeln hinnimmt.

Das weckt darüber hinaus die Erinnerung an stille Stunden auf dem Einwohnermeldeamt, in denen man darüber nachdenken durfte, wie man noch einmal ganz ans Ende der Warteschlange kam, da das Passfotos der behördlichen Normierung nicht standgehalten hatte und die Geburtsurkunde allen Ernstes zu “zu alt” (=vom Tag meiner Geburt) war.

Wenn Berlin sparen möchte, dann bitte zuerst an dieser unwirklichen Bürokratie.

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Twitter <-> WordPress Crosspost-Plugin abgestellt

Also, jetzt habe ich wirklich längere Zeit das Twitter <-> WordPress Crosspost-Plugin ausprobiert und ich kann nur sagen, dass mir das überhaupt nicht zusagt. Das Gestammel bei Twitter hat echt nichts auf einem Blog verloren.

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Wer verlegte Hesse, Frisch Becket, Enzensberger, Bloch, Bernhard, Joyce, Celan, Habermas, Adorno, Walser ?

Mehr Informationen zum Leben Siegfried Unselds gibt es auf Bookpedia.de:

http://www.bookpedia.de/buecher/Unseld._Eine_Biographie

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Der Zuvieldienst geht zu Ende: Ein Grund zum Feiern!

Mit dem Ende des Wehrdienstes in Deutschland, geht auch der Zivildienst zu Ende. Und mit dem Ende kommen die sentimentalen Rückschauen. So hört man landauf, landab, wie wichtig und gut es für einen jungen Menschen sei, nach der Schule in einer Orientierungsphase Dienst an der Gesellschaft zu leisten und Kompetenzen etwa im sozialen Bereich zu entwickeln.

Vielleicht mag das ja für den ein oder anderen auch stimmen. Für mich nicht. Für mich war der Zivildienst, den ich anstelle des Wehrdienstes habe ableisten müssen, im Gegenteil das Grauen auf Erden. Nach der Schule wollte ich nur eines: Meinen unbändigen Lebenshunger nach Reisen, Lesen und Studieren stillen. Aber der Staat zwang mich mit seinem Zivildienst einen Lebensabschnitt zu leben, der ganz und gar gegen meine Lebensvorstellungen verstieß. Damit ich hier nicht falsch verstanden werde: Ich arbeite gerne, hart und viel. Aber der Zwang, der damals auf mich ausgeübt worden ist, war für mich eine emotionale Katastrophe, die mich an den Rand einer ernsthaften Depression geführt hat. Woher unsere Bundesfamilienministerin Frau Schröder weiß, dass im Zivildienst junge Menschen “viele positive Erfahrungen” sammeln würden, ist mir ein Rätsel. Sie selbst hat schließlich nie einen solchen Dienst ableisten müssen.

Und die nun einsetzenden sentimentalen Rückschauen mögen doch auch bitte folgende Fakten nicht unberücksichtigt lassen:

1. Im Grundgesetz steht eindeutig geschrieben, dass die Zeiten des Zivildienstes nicht länger sein dürfen als die des Wehrdienstes. Aber der Zivildienst war stets länger als der Wehrdienst. Die verlogene Argumentation dabei lautete: Wehrdienstleistende müsten ja auch über die eigentliche Zeit hinaus zu Wehrübungen. Zu Wehrübungen mussten aber nur ein Bruchteil der Wehrdienstleistenden und konnten sich darüber hinaus durch den Arbeitgeber freistellen lassen.

2. Die Zivildienstleistenden wurden in sehr vielen sozialen Einrichtungen als billigste Arbeitskräfte benutzt, die genauso viel und hart arbeiten mussten wie hauptamtliche Mitarbeiter. Das Argument, dass man von der Gesellschaft viel bekommen habe und dieser nun auch etwas zurückgeben müsse, kann ich so nicht akzeptieren. Denn das, was ich ohne Zweifel von der Gesellschaft als junger Mensch bekommen habe, gebe ich derzeit genauso an die junge Generation zurück wie ich es selbst bekommen habe. Dazu braucht es keinen Zwang in dieser grundlegenden Art und Weise.

3. Viele Zivildienstleistende haben ganz ähnlich wie ihre Kollegen in den Kasernen vor allem eins gelernt: Wie man Zeit totschlägt, vornehmlich mit viel Alkohol und/ oder Drogen. Das ist ein Faktum, der in den Rückschauen auch praktisch keinen Eingang findet.

Ich jedenfalls weine dem Zuvieldienst keine müde Träne nach und freue mich für alle nachkommenden Generationen, dass sie nach dem Abschluss ihrer ersten Schulphase tun und lassen können, was sie möchten. Einen Zivildienst braucht kein Mensch und keine Gesellschaft, auch unsere Sozialkassen nicht. Über die Verankerung der Bundeswehr in der Gesellschaft mache ich mir allerdings mit dem Ende des Wehrdienstes ernsthafte Sorgen. Eine Armee, die sich von der Gesellschaft, für die sie existiert, entfernt, ist ein sehr großes Problem, die Geschichte ist voll von Beispielen. Und darauf habe ich bisher noch keine Antwort bekommen. Sie wissen nicht, was sie tun.

Dass auch der Wehrdienst kein Spaß war, hat Sven Regener in einem sehr schönen Interview mit Welt online deutlich gemacht.

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4in1: Ein neuer Rekord der Bahn im Winter

Normalerweise gehöre ich zu denjenigen Menschen, die die Bahn gerne gegen ihre Kritiker verteidigt, da diese doch zu gerne vergessen, dass 20 Minuten Verspätung kein Weltuntergang sind und zur gleichen Zeit viele tausend Autofahrer auf den Autobahnen stundenlang im Stau stehen. Normalerweise. Denn bei meinem Weihnachtstrip dieses Jahr hat die Bahn wirklich alle Rekorde übertroffen.

Zunächst begann alles vorbildlich. Die Bahn hatte aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens angekündigt vom 22.12.2010 an, Zusätzzüge auf viel nachgefragten Strecken anzubieten. In meinem Fall war das die Strecke Berlin – Köln und ich war wirklich sehr überrascht, dass die Bahn diesen “Trick” doch noch gelernt hat. Denn andere Bahnen wie die Schweizer Bahn machen das regelmäßig: Auf total ausgebuchten Strecken fahren einfach mehr Züge. Toll, dachte ich, geht doch.

Aber leider, leider wurde aus dem Zusatzzug der Ersatzzug. In Berlin Spandau hielt er erst gar nicht mehr und in Hannover weigerte sich der Zugführer weiterzufahren, bis nicht wieder ein paar hundert aus dem Zug ausgestiegen waren. Aus “Sicherheitsgründen”. Der Ersatzzug war zwar bis zu 200% überfüllt, kam dann aber doch mit fast 2 Stunden Verspätung in Köln an. Da wussten wir noch nicht, dass der Anschlusszug nach Aachen so voll war, dass wir erst gar nicht mehr hereinkamen. Glücklicherweise kam aber ein paar Minuten später ein weiterer, arg verspäteter Regionalzug an, so dass wir zumindest einen Sitzplatz auf der Hinfahrt hatte. Die Hinfahrt war damit halbwegs überstanden. Denn die Bahn konnte ja schließlich nichts dafür, dass in Aachen keine Busse mehr fuhren, aber das ist ein anderes Thema. Denn in all den Jahren, in denen ich auf der Welt bin, gab es das einfach nicht, dass die Busse nicht mehr fuhren. Hallo? Erster Winter in Deutschland?

Die Rückfahrt sollte schlimmer werden, viel schlimmer. Diesmal schafften wir es mit nur 5 Minuten Verspätung bis Köln. Der Schaffner machte uns lange Zähne als er meinte: Der Zug nach Berlin wird noch erreicht. Von der Durchsage wusste nur leider der Zug nach Berlin nichts und fuhr *pünktlich* (hört-hört) los. Nur leider eben ohne uns. Dann passierte es: Erst fiel der Zusatzzug aus, dann der reguläre Zug. Im Zug danach wurde uns dann unvermittelt eröffnet: Wir fahren nur bis Hamm, bitte steigen Sie in Hamm in den ICE von Düsseldorf nach Berlin um! Die Bahn hat es also geschafft, in einem Zug 4 voll besetzte Züge unterzubringen. Wenn das der Zugführer von der Hinfahrt gewusst hätte … Denn nun war es selbst in der 1. Klasse so voll, dass man eigentlich nur noch von einem Lebendfleischtransport sprechen konnte.

Also, wenn solche Zustände das Ergebnis eines Sparens für den Börsengang sind, wie man landauf-landab munkeln hört, dann bin ich ab heute maximal dagegen. Und dann scheint es auch zu stimmen, dass die Bahn 4 Hauptfeinde habe, nämlich Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

PS: Mit dem Fahrgastrechte-Fomular lässt sich dieses Chaos jedenfalls kaum abbilden.

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