Schufa: Die Wahrheit wird euch freimachen

An der Westseite des Freiburger Kollegiengebäudes der Philosophischen Fakultät steht gut lesbar ein Zitat aus dem Johannes-Evangelikum: “Die Wahrheit wird euch freimachen”. Wie ausgerechnet im Streit zwischen Theologischer und Philosophischer Fakultät ein Zitat des Johannes an das neue Gebäude der Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommen konnte, wurde 2003 von Gerhard Kaiser in einer wunderschönen Schrift festgehalten. Für mich ist dieser Spruch aber immer Leitgedanke meines Studiums gewesen und geblieben: Die Wissenschaft muss die Wahrheit auch dann aussprechen und zu ihr stehen, wenn Glaube, Überzeugungen oder Interessen ihr entgegenstehen, weil so oft nicht sein kann, was nicht sein darf.

Als der Leitspruch über der Universität angebracht wurde, focht die Universität noch den Kampf zwischen Staat und Kirche aus. Wie wir an jüngsten Meldungen zu einem Forschungsprojekt der Schufa und des privaten wissenschaftlichen Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik GmbH (HPI) in Potsdam sehen können, kämpft die Wissenschaft von heute einen ganz anderen und doch den gleichen Kampf wie damals, nämlich den zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, der Glaube von heute. Wie kann etwas Wissenschaft sein, wenn das Ergebnis bereits vorher festgelegt wurde? Denn das Ergebnis des Forschungsprojektes soll, so Peter Villa, Vorstand der SCHUFA Holding AG, Folgendes sein:

“In der Zusammenarbeit mit dem HPI wollen wir durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern”

Die Kritik an diesem Forschungsprojekt ist vielfältig. Die einen sehen durch das Forschungsprojekt die Demokratie oder den Datenschutz in Gefahr, wieder andere darin gleich einen Verstoß gegen die Verfassung. Jede bisher geäußerte Kritik springt jedoch aus meiner Sicht zu kurz.

Das Forschungsprojekt ist richtig, aber von dem falschen Auftraggeber beauftragt. Das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik GmbH (HPI) in Potsdam würde der Wissenschaft und damit auch der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen, wenn es aufzeigen würde, welche Gefahren wirklich in sozialen Neztwerken, der Verknüpfung von verschiedensten Datentöpfen und ihrer Auswertung liegt. Wenn es z.B. zeigen könnte, wie man den Verdienst einer x-beliebigen Person durch die Verknüpfung offener und selbst ins Internet gestellter Daten ermittelt oder wenn es zeigen würde, wie man den Gesundheitszustand und den voraussichtlichen Todeszeitpunkt eines Menschen schon heute ermitteln kann, dann würde es uns wie Schuppen von den Augen fallen: Nicht die Schufa oder Facebook bedrohen uns, sondern wir bedrohen uns selbst, wenn wir unsere Daten, unsere Wünsche, Hoffnungen und Freunde wildfremden Konzernen anvertrauen. Denn nichts anderes tun wir täglich, wenn wir bei Google suchen oder in Facebook kommunizieren. Die Dienste dort sind kostenlos, weil wir mit unseren Datenspuren bezahlen.

Dem Forschungsprojekt der Schufa ist also eher zu danken, weil es in wünschenswertester Offenheit zeigt, auf welche Gefahren wir gesellschaftlich zusteuern. Das Forschungsprojekt freilich sollte, wie oben dargestellt, umformuliert werden und der Auftraggeber sollte das Parlament sein. Denn die Wahrheit wird uns frei machen!

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2 Antworten auf Schufa: Die Wahrheit wird euch freimachen

  1. Devin sagt:

    Ich finde es toll, wie sich die Schufa mit der Facebookidee vorgewagt hat. Sie zeigen tatsächlich wunderbar worin die Privatsphäre Reise gehen kann, wenn man dem nicht rechtzeitig mächtige Riegel vorschiebt.

  2. Julius sagt:

    Zum Glück hat die Schufa für diese Aktion mal richtig Gegenwind zu spüren bekommen! Devin hat vollkommen recht, wir sehen an solchen Aktionen, wohin die Reise gehen kann. Orwell lässt grüßen! :)

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